Aktuelle Sprachkritik

„Sozialtourismus“ zum Unwort des Jahres 2013 gewählt

Aktuelle Debatten auf den Punkt gebracht

Unwort des Jahres

Mit dem „Unwort des Jahres“ werden regelmäßig unangebrachte Formulierungen kritisiert. (Bild: fotolia.com / Joachim B. Albers)

Für die Jury, die das „Unwort des Jahres 2013“ unter der Vorsitzenden Nina Janich bekannt gegeben hat, steht „Sozialtourismus“ für eine aktuelle Problematik, die in den Medien übertrieben negativ aufgebauscht und verbreitet wurde. Das Schlagwort richtete sich in den vergangenen Monaten vor allem gegen osteuropäische Einwanderer, die als Migranten mit Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland kommen.

Oft wurden diese Menschen in den Medien als „Schmarotzer“ dargestellt, die lediglich nach Deutschland kommen, um vom Sozialsystem zu profitieren – für den Arbeitsmarkt jedoch nicht qualifiziert sind und sich daher auf Kosten der anderen Staatsbürger ein angenehmes Leben machen können – wie „Touristen“. Dass diese Menschen auch mit Zielen und Hoffnungen nach Deutschland kommen und sogar ein grundsätzliches Recht auf Hilfe haben, ging in vielen Fällen unter.

Warum wird das Unwort des Jahres gewählt?

Die „Unwörter der letzten Jahre“
2012: Opfer-Abo
2011: Döner-Morde
2010: Alternativlos
2009: Betreibsratsverseucht
2008: Notleidende Banken

Seit 1991 wird das Unwort des Jahres von einer Jury aus sechs Sprach-Experten gewählt. Unter ihnen vier Sprachwissenschaftler, ein Journalist und ein wechselnder Vertreter des Bereiches Kultur/Medien – diesmal Schriftsteller Ingo Schulze.

Bei den „Unwörtern“ handelt es sich immer um Wörter, die Menschen oder aktuelle Sachverhalte unangemessen bewerten und darstellen. Ziel dieser Wahl ist es, auf genau diese Missdeutungen aufmerksam zu machen und öffentlich zum Nachdenken anzuregen. Bei vielen Formulierungen handelt es sich um öffentlich breit getretene Begriffe, die in den Sprachgebrauch übergegangen sind, ohne ihre tiefere Bedeutung – und die darin enthaltene Wertung – zu offenbaren.

Wie wird das „Unwort des Jahres“ bestimmt?

Vorschläge zum Unwort des Jahres können jeweils bis zum 31.12. eingereicht werden. Für 2013 wurden insgesamt knapp 750 (Un-) Wörter vorgeschlagen, aus denen die unabhängige Jury ihr „Unwort des Jahres“ kürte. Unter den am häufigsten vorgeschlagenen Wörtern befanden sich zum Beispiel

  • Supergrundrecht
  • Home-Ehe
  • Ausschließeritis
  • Armutszuwanderung

Besonders Letzteres passt zum „Sieger“ Sozialtourismus und wurde sowohl von Einsendern als auch von der Jury als ebenfalls stellvertretend die aktuelle Migrations-Problematik gewertet. Da die Jury jedoch nicht anhand der Anzahl der Einsendungen entscheidet, sondern ihre individuelle Wahl trifft, konnte der „Sozialtourismus“ sich aufgrund des aktuellen Bezuges und dem höheren Konflikt-Potenzial durchsetzten. So finden sich im Duden zwei Definitionen für den „Sozialtourismus“ – die allseits verbreitete und negativ behaftete Sozialkritik und die völlig in den Hintergrund getretene „Bemühung, einkommensschwachen Schichten zu einem Urlaub zu verhelfen.“

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