Digitale Schrift auf dem Vormarsch

Finnland verabschiedet sich von der Schreibschrift

Hallo - Schule

Handgeschriebene Wörter könnten bald der Vergangenheit angehören. (Bild: aboutpixel.de / Manuel Pfeiffer)

Druckschrift statt Schönschrift

Verschnörkelte Vokale und geschwungene Häkchen an Buchstaben gehören in Finnland der Vergangenheit an: ABC-Schützen lernen ab Herbst 2016 keine Schönschrift mehr, sondern nur noch Druckschrift. Diese Variante sei für Grundschüler einfacher, da sie so die Buchstaben nicht mehr miteinander verbinden müssen.

Vor allem für schreibschwache Schüler sorgt die Abschaffung der Schreibschrift für Erleichterung. Lehrer sehen das Schreibenlernen von Erst- und Zweitklässlern als besonders zeitaufwendig. Finnische Schüler und besonders Jungen kämpfen in höheren Jahrgängen mit der Ästhetik von Wörtern.

Tastatur verdrängt Handschrift

Im digitalen Zeitalter wird das Schreiben auf einer Tastatur immer wichtiger. Wichtige Anträge, Bewerbungen oder Formulare existieren meist nur noch in elektronischer Form. Diesen Aspekt betonen finnische Pädagogen in ihren Erklärungen: Das Schreiben auf einer Tastatur sollte ihrer Meinung nach gefördert werden. Denn wie eine britische Studie herausfand, haben die Probanden seit 41 Tagen nichts mehr per Hand geschrieben. Mobile Geräte und PCs gehören in Beruf und Alltag mittlerweile zum Standard.

Geschichte der Schreibschrift

  • Mittelalter: Aus den gotischen Minuskeln entstanden bald kursive Formen.
  • Neuzeit bis Mitte 20. Jahrhundert: Deutsche Kurrentschrift
  • 1911: Sütterlinschrift
  • 1942: Nationalsozialisten verbieten gotische Schriften. Es folgte die Einführung der Deutschen Normalschrift.
  • 1953 bis etwa 1966: Lateinische Ausgangsschrift
  • 1969: Vereinfachte Ausgangsschrift
  • 1968: Schulausgangsschrift, Schriftform der DDR

Deutschland: Willkommen Druckschrift!

Nicht nur in dem skandinavischen Land erlebt die Schreibschrift womöglich einen baldigen Abschied aus den Klassenzimmern. In Deutschland bahnt sich eine neue Reform an, die aus der Ecke der Kritiker zu einem ähnlichen Problem avanciert wie die Rechtschreibreform in den 90er Jahren. Hamburger Schulen machen den Anfang und lehren Schüler die Grundschrift. Es ist eine Druckschrift mit kleinen Häkchen. Kinder können bewusst entscheiden ob und wie sie die Buchstaben miteinander verbinden möchten.

Pädagogisch wertvolles Kulturgut

Deutsche Bildungsminister sind gegen die Abkehr von der historischen Schönschrift. SPD-Politiker Mathias Brodkorb aus Mecklenburg-Vorpommern spricht sich in der Ostsee Zeitung vom 13.01.2015 gegen die didaktischen Umwälzungen aus:

„Schreibschrift ist eine Kulturtechnik, die erhalten bleiben muss.“

Unterstützung bekommen die Reformgegner von Pädagogen und Hirnforschern. Das Erlernen der Schönschrift fördert bestimmte Hirnareale, die für die Koordination der Feinmotorik sowie den Wissenserwerb zuständig sind. Sätze aufzuschreiben sorgt dafür, dass sich das Gelernte besser einprägen kann. Außerdem würden die neuralen Bahnen im Gehirn verkümmern, wie Neurologen zu bedenken geben.

Länder entscheiden

Die Schreibschrift ist ohne Zweifel ein Teil der Kultur. Drei Schreibformen stehen auf dem Bildungsplan: Die lateinische Ausgangsschrift, die vereinfachte Ausgangsschrift sowie die Schulausgangsschrift. Welche Variante unterrichtet wird, ist Ländersache – damit stehen Lehrer und Schüler vor einer verwirrenden Ausgangssituation. Eine einheitliche Lösung könnte im digitalen Zeitalter für klare Regeln sorgen. Ob diese aber das Schreibenlernen verbessern oder eher zu einer Verkümmerung der Fähigkeiten führt, werden die nächsten Jahre zeigen.

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