Am 25. Februar voten die Zuschauer

Unser Lied für Stockholm 2016

Acapella-Ausschnitt von „Adrenalin“ – Ella Endlich

Die Teilnehmer präsentieren sich insgesamt in zwei Runden. Nach der ersten findet ein Voting über die drei führenden Beiträge statt. Diese drei dürfen ihren Song dann in Runde zwei erneut präsentieren, im Anschluss erfolgt eine zweite Abstimmung per Televoting. Die Zuschauer ermitteln damit direkt den Kandidaten aus den drei verbliebenden Künstlern, der Deutschland am 14. Mai 2016 in Stockholm vertreten wird.

Eine Neuerung bei der Hauptveranstaltung sorgt dafür, dass Deutschland, genauso wie die übrigen für das Finale gesetzten Kandidaten Schweden, Italien, Großbritannien, Spanien, Frankreich sowie den erneut teilnehmenden Exoten Australien bereits in einem der Halbfinals ihr Lied vorstellen können. Allerdings sind die gesetzten Länder nur in einem der Halbfinals stimmberechtigt.

Die Teilnehmer

Der erste Künstler, der in Deutsch singt, ist Alex Diehl (28). Damit ist er einer von nur drei Interpreten dieses Jahr, alle übrigen singen in englischer Sprache. Der Singer-Songwriter tritt mit seiner Ballade „Nur ein Lied“, einem Friedenslied an, das er kurz nach den Anschlägen von Paris verfasst hat. Der melancholische Song wird von ihm mit Herzblut dargeboten, aber dürfte es schwer haben, in die zweite Runde des Vorentscheids einzuziehen.

Mit Avantasia tritt eine Power-Metal-Band an. Sänger Tobias Sammet singt die rockige Metal-Ballade „Mystery of a Blood Red Rose“ und trifft damit sicher den Nerv vieler Zuschauer. Es handelt sich hierbei tatsächlich um einen klassischen ESC-Song, der im großen Finale durchaus Chancen auf eine passable Platzierung haben könnte.

Der Beitrag erinnert an Songs der Türkei aus den letzten zehn Jahren, die leider auch dieses Jahr wieder fehlen wird. Eventuell besetzt Avantasia damit eine Lücke. Dennoch ist die deutsche Konkurrenz sehr hart und ein Sieg beim Vorentscheid wäre eine kleine Überraschung.

Avantasia – „Mystery of a Blood Red Rose“

Die bezaubernde Ella Endlich (31) kann bereits auf eine lange Karriere zurückblicken und wurde unter dem Namen Junia als Teenie-Star schon während der 1990er Jahre gefeiert. Ihr Beitrag ist mutig, frisch und poppig, kann aber durchaus auch als ein „Back-to-the-Roots-Song“ bezeichnet werden. Ein gefühlvoller Schlagerbeitrag mit Beat-Unterstützung, natürlich in deutscher Sprache.

Ihr Song trägt den Namen „Adrenalin“ und fesselt sofort. Ella Endlich ist zweifellos eine der gesanglich versiertesten Künstlerinnen im Feld und dürfte es leicht in die zweite Runde des Vorentscheids schaffen. Vermutlich werden die Tagesform und die Fanbase der einzelnen Finalisten den Ausschlag geben.

Eine komplett andere musikalische Richtung schlägt die Gruppierung Gregorian ein. Die in Mönchskutte auftretenden Männer und Frauen blicken auf eine über 15-jährige Karriere und 16 Alben zurück. Ihre Musik enthält Rock- und Popelemente und lässt sich unter dem Begriff Gregorianik-Pop fassen.

Mit ihrem epochalen Song „Masters of Chant“ sorgen sie für eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Sie besitzen europaweit eine riesige Fangemeinde und könnten so auf der großen Bühne einen erfolgreichen Beitrag abliefern. Allerdings dürfte die Konkurrenz im deutschen Wettbewerb sehr groß sein und die Chancen in die zweite Runde einzuziehen liegen bei deutlich weniger als 50 Prozent.

Anders sieht dies für die erst 17-jährige Jamie-Lee Kriewitz aus, die als Siegerin von „The Voice“ den wohl aktuell größten Bekanntheitsgrad unter allen Teilnehmern genießt. Im Team Fanta 4 konnte sie mithilfe ihrer Coaches Smudo und Michi Beck den Sieg im Finale der beliebten Casting-Show erringen.

Sie wird mit ihrem Siegertitel „Ghost“ antreten. Der nachdenkliche Pop-Song ist schlicht genial. Rhythmus, Melodik und Text sind stimmig. Hinzu kommt, dass das junge Mädchen eine einzigartige Stimme besitzt und mit ihr virtuos umgehen kann. Sie muss als unbedingter Top-Favorit des diesjährigen Vorentscheids gehandelt werden.

Auch Nicole war 1982 erst 17 Jahre alt und konnte mit ihrem Song „Ein bisschen Frieden“ den ersten deutschen Sieg sichern. 2010 zeigte Lena Meyer-Landrut, damals 18, ebenfalls, dass nicht das Alter sondern das Können und ein guter Song über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Offizielles Video „Ghost“ von Jamie-Lee Kriewitz

Full Moon“ – so heißt der Liedbeitrag vom Schwestern-Duo Josepha und Cosima, die unter ihrem Künstlernamen Joco antreten. Die beiden Neulinge im Musikbiz brachten 2015 ihr erstes Album heraus, das sie in London mit den Produzenten von Paul McCartney in den Abbey Road Studios aufgenommen haben.

Ihr fröhlicher Beitrag ist zum Genre Indie-Pop zu zählen und dürfte vor allem die jüngeren Zuschauer begeistern. Der Beitrag ist wirklich gut, aber alles andere als ein klassischer Eurovision-Beitrag. Die Chancen als Außenseiter in die zweite Runde des deutschen Vorentscheids zu ziehen, sind nicht gering, aber für einen Sieg dürfte es dennoch nicht reichen.

KEOMA ist der Name eines weiteren Duos im Wettbewerb. Dahinter verbergen sich die bereits sehr erfolgreiche australische Künstlerin Kat Frankie (35) und der Texter Chris Klopfer. Die beiden Künstler haben sich 2011 kennengelernt und arbeiten seit dem zusammen, haben jedoch auch andere Projekte.

So arbeitete Frankie beispielsweise im letzten Jahr eng mit Musiker, Radiomoderator und Schauspieler Olli Schulz zusammen. Ihr Beitragssong „Protected“ ist eher ruhig und könnte spät nachts in einer Bar laufen. Eine gute Nummer, die jedoch eher nicht ESC-tauglich erscheint und im Vorentscheid nur in der ersten Runde zu hören sein wird.

Offizielles Video „Protected“

Bisher ist nur ein einziger Song unbekannt. Es handelt sich dabei um den Beitrag der jungen Künstlerin Laura Pinksi (19). Ihr Lied trägt den Titel „Under the Sun we are One“, der Song wurde von keinem geringeren komponiert und produziert als Altmeister Ralph Siegel (70). Erst beim Vorentscheid wird das Lied erstmals zu hören sein, weswegen eine Einschätzung vorab nicht durchgeführt werden kann.

Vielleicht wird dieser Song das Feld aufrollen und sich durchsetzen. Gerüchten zufolge will Ralph Siegel sich im Fall einer Teilnahme beim ESC in Schweden für Deutschland zurückziehen. Seine letzten Beiträge für die Bundesrepublik liegen über zehn Jahre zurück. Mit Corinna May (2002) und Lou (2003) konnte er in Europa nicht punkten.

Laura Pinski Ralph Siegel

Laura Pinski und Ralph Siegel wollen nach Stockholm (Bild: 9EkiraM1/Wikipedia unter CC BY-SA 3.0)

Der dritte deutschsprachige Wettbewerbeitrag stammt von der Rock-Pop-Band Luxuslärm. Mit ihrem gefühlvollen Song „Solange Liebe in mir wohnt“ will die 2011 neu zusammengesetzte Band hinter Frontfrau Jini Meyer das Ticket für Stockholm lösen. Dank einigen Beats und einer großen Fanbase scheint das Vorhaben nicht ganz chancenlos zu sein.

Ihr Lied ist im Vergleich zu anderen Beiträgen jedoch eher farblos und wird es im Fall eines Einzugs in die zweite Votingrunde sehr schwer haben. Ein wenig Erfahrung besitzen sie jedoch in Sachen ESC. 2012 vertrat die Band ihr Bundesland NRW beim Bundesvision Song Contest und holte den anerkennenswerten vierten Platz.

Abgerundet wird das Feld der Teilnehmer mit einer äußerst interessanten Combo: Woods of Birnam. Der Name lehnt sich an das Shakespeare-Stück Macbeth an. Frontmann der Gruppe ist der sehr erfolgreiche Schauspieler Christian Friedel. Nachdem sich die sächsische Band Polarkreis 18, die mit „Allein, allein“ einen Nummer-1-Hit gelandet hat, auflöste, gründeten vier der ehemaligen Mitglieder mit dem Schauspieler die Band.

Polarkreis 18 hat ebenfalls im Rahmen des Bundesvision Songcontests bereits Erfahrungen vorzuweisen und konnte für Sachsen 2009 den zweiten Platz erreichen. Eine große Fangemeinde und ein eingängiger Sound lassen das Projekt zu einem heißen Kandidaten für die zweite Runde beim diesjährigen deutschen Vorentscheid werden.

Woods of Birnam – „Lift Me Up“

Der Skandal und das neue Prozedere

Fast vergessen und doch erwähnenswert, ist der Skandal, der dem diesjährigen Vorentscheid vorausging. Am 19. November gab der Norddeutsche Rundfunk, der auch in diesem Jahr verantwortlich für die Produktion des Vorentscheids ist, bekannt, dass man sich entschieden habe, Xavier Naidoo zum ESC 2016 schicken zu wollen.

Namhafte Texter und Komponisten wurden gebeten, Songs zu erarbeiten, mit denen Naidoo den Vorentscheid bestreiten sollte. Er sollte nach einer Vorauswahl durch eine Jury insgesamt sechs verschiedene Lieder präsentieren, über die die Zuschauer dann hätten abstimmen sollen. Doch abgesehen von dieser sehr eigenmächtigen Entscheidung, die jeder Konkurrenz die Chance nahm, wurden außerdem Stimmen laut, dass Xavier Naidoo auch aus politischen Gründen keine gute Wahl darstelle.

Naidoo wurde in den Medien unter anderem Homophobie, Antisemitismus und die Anhängerschaft sogenannter neu-rechter Tendenzen vorgeworfen. Als Belege für die Anschuldigungen wurden seine Auftritte bei Veranstaltungen der Reichsbürgerbewegung sowie ein Song mit dem Titel „Wo sind sie jetzt“ angeführt. Letzterer ist ein Gemeinschaftsprojekt von Nadioo mit dem bekannten Rapper Kool Savas, die sich für die Zusammenarbeit unter dem Pseudonym „Xavas“ zusammengetan hatten.

Goldene Kamera 2012 The Voice

Xavier Naidoo mit seinen „The Voice“ Kollegen Nena und The BossHoss (Bild: JCS/Wikipedia unter CC BY 3.0)

Letztlich konnten die Vorwürfe kaum gehalten werden, zahlreiche Künsterl bezogen Stellung und verteidigten ihren Kollegen. Dennoch runderte der NDR zurück und machte den Weg für einen echten Wettbewerb.

Fazit

Das Teilnehmerfeld 2016 ist erstaunlich stark und die von Barbara Schöneberger moderierte Sendung „Eurovision Song Contest 2016 – Unser Lied für Stockholm“ dürfte ein wahres Musikfest werden. Die zweistündige Sendung wird außerdem mit einem Pausen-Act bereichert. The BossHoss und The Common Linnets interpretieren den Dolly Parton Song „Jolene“.

Top-Favorit für den Sieg ist Jamie-Lee Kriewitz mit ihrem grandiosen Song „Ghost“. In der zweiten Runde dürfte sich nach dem ersten Durchlauf auch noch Ella Endlich befinden. Um den dritten Platz im Vorentscheid-Finale streiten sich vermutlich Woods of Birnam, Joco, Luxuslärm und Gregorian. Aber wer weiß, vielleicht rollt auch Laura Pinski mit ihrem Siegel-Song das Feld von hinten auf und stürmt an die Spitze der Zuschauergunst und damit direkt nach Stockholm.

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